"Nicht "die menschliche Leidenschaft wecken""

Mehr als 350 Jahre alt ist das neue „Objekt des Monats“: Die „Herborner Ausgabe“ der Luther-Bibel stammt aus dem Jahr 1666 und zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus, die durch die calvinistisch reformierte Prägung Herborns zu erklären sind. So ist ihr nicht nur der 1563 entstandene Heidelberger Katechismus beigefügt, sondern auch die „Psalmen Davids nach Französischer melodey und reimen art in Teutsche reimen verstendlich und deutlich gebracht Durch Ambrosius Lobwasser/D. Und hierüber bey einem jeden Psalmen seine zugehörige vier stimmen“.

Calvin sah einzig die Psalmen als tauglich für den gottesdienstlichen Gebrauch an. Sie wurden gesungen, wobei es strikte Vorgaben für die Vertonung gab, die möglichst einfach und schlicht zu erfolgen hatte. Meist gab es nur zwei verschiedenen Notenwerte; Tanzrhythmen waren verboten wegen der Gefahr, `die menschliche Leidenschaft zu wecken. Außerdem enthält das Buch verschiedene Morgen- und Abendgebete sowie „Universaltafeln“ der „Reisen der Kinder Israels“ und der Stadt Jerusalem. 

Die 1584 eingerichtete Hohe Schule nutzte von Anfang an die deutsche Lutherbibel; auch, um die deutsche Muttersprache zu fördern. Das Werk stieß dennoch auf einige Widerstände, liefen doch schon seit 1596 Planungen für die Piscator-Bibel als eigenständige und von Graf Johann VI. geförderte Übersetzung, die dann ab 1602 erschien. Aus politischen Gründen wagten seine Nachfahren allerdings nicht, Piscators Bibel zum Standardlehrwerk zu erklären und beschlossen als Direktoren der Hohen Schule, die Piscatorbibel nicht als offizielle Bibel in Nassau einzuführen.

Die in Herborn gedruckte Lutherbibel mit reformierten Anhang wurde jedenfalls bis 1666 wiederholt gedruckt. Das ausgestellte „Objekt des Monats“ stammt aus der letzten in Herborn gedruckten Auflage. In Bern beispielsweise wurde sie allerdings bis 1849 immer wieder aufgelegt.

(Text: Kordesch)