"Hungerbrötchen"

Am 5. April 1815 explodierte der Tambora im heutigen Indonesien regelrecht. Die Folgen für Mitteleuropa und Nordamerika waren verheerend.

Der Vulkan war danach rund 1500 Meter niedriger, zurück blieb eine 1000 Meter tiefe und sechs Kilometer breite Caldera. Der Ausbruch hatte unschätzbare Mengen Asche und Staub in die Atmosphäre geschleudert, die das globale Klima langfristig veränderten. Vor allem Nordamerika und Europa waren betroffen. Es wurde über Monate nicht mehr richtig hell, und die Temperaturen sanken um durchschnittlich drei Grad. Dramatische Missernten waren die Folge. In Nordamerika gab es Nachtfröste und Schnee bis in die Niederungen im Juli und im August. Die Getreidepreise stiegen um ein Vielfaches, in  der Schweiz bis zu 600 Prozent. Durch das feuchte Klima trat zudem das giftige Mutterkorn vermehrt im Getreide auf. Aus Tagebucheinträgen ist bekannt, dass die Menschen in der ohnehin armen Nachkriegszeit mit Moos, Blumen und aufgebrühtem Gras zu überleben versuchten.
Wegen der schrecklichen Hungersnot, die dem Vulkanausbruch folgte, mussten die Bäcker ihr Mehl mit Heublumen und Kleie, aber auch mit gemahlenem Stroh, Holzspänen oder Baumrinde strecken, um überhaupt etwas backen zu können.
Auf der Seite unseres Kästchens findet sich die Jahreszahl 1817. Das Kästchen scheint tatsächlich alt zu sein, weist doch das Glas Lufteinschlüsse auf. Rüdiger Störkel als ehemaliger Stadtarchivar ordnet auch die Tapete, die auf das Holz geklebt ist, jener Epoche zu. Eine Palme und ein Reiter sind darauf zu erkennen; auf der Unterseite finden sich goldfarbene Reste.
Wahrscheinlich erst gut hundert Jahre nach dem Ereignis erkannte man, worauf das "Jahr ohne Sommer" wirklich zurückzuführen war - die Zeitgenossen vermuteten zumeist eine göttliche Strafe wegen des Krieges. Wie so oft in der Geschichte galt aber auch damals die Volksweisheit "Not macht erfinderisch“: Das Laufrad beispielsweise erfand Karl Drais 1817, als fast alle Pferde verhungert, geschlachtet oder im Krieg umgekommen waren. Justus von Liebig, der in seiner Jugend das Hungerjahr erlebte, erkannte den Einfluss von Mineralsalzen auf das Wachstum von Pflanzen und entwickelte den Kunstdünger. Auch die Kunst blieb von dem verheerenden Vulkanausbruch nicht unbeeinflusst: Die Asche in der Atmosphäre sorgte für Lichteffekte, Stimmungen und spektakuläre Sonnenuntergänge, die beispielsweise William Turner, Caspar David Friedrich und Carl Spitzweg verewigt haben.  (Kordesch)